Gott ist am Wirken

Ich wollt euch schon die längste Zeit ein Update über die Zeit seit dem Unfall geben, aber hatte irgendwo nicht die Kraft dazu. Gott gebraucht die momentane Situation um an mir zu arbeiten, dafür bin ich dankbar. Vor zwei Wochen war unser jährliche Frauenfreizeit und das Team war ein großer Segen. Ich habe es sehr genossen, obwohl ich teilweise zu müde war und manche Programmpunkte auslassen musste.

Manche der Lernprozesse, die ich mit euch teilen wollte, sind direkt mit den Dingen verbunden, die auf der Freizeit gesagt, gebetet oder gesungen wurden. Wie die Rednerin sagte, war das Wochenende wahrscheinlich ein Wendepunkt für mich. Ich bin auf dem Weg zur Wiederherstellung, aber es scheint ein sehr langer Weg und ich komme nur langsam vorwärts. Kurz nach dem Wochenende hatte ich auch meine erste Online Unterhaltung mit einem Mitglied unseres „member care teams“ (Team zur Mitgliederpflege). Ich kannte sie von einem Workshop vor ein paar Jahren und ihre Einsichten waren mir eine große Hilfe.

Also, was ist Gott dabei, mir beizubringen?

• Die erste wichtige Einsicht hat mit einer Sicherheit in Gottes Liebe zu tun. „Die Mächte der Finsternis fürchten jene am meisten, die zuversichtlich und sicher in Gottes Liebe sind.“ Da merkte ich, dass das etwas ist, was Gott mir im Zusammenhang mit dem Heilungsprozess im letzten Jahr geschenkt hat, in einem Ausmaß, das ich mir vorher nicht hätte träumen lassen. Ja, ich bin verwurzelt in seiner Liebe. Ich weiß, dass er mich bedingungslos liebt, und dass er mich nicht verurteilt, egal wie unvollkommen ich bin. Hätte ich diese Sicherheit während der letzten schwierigen Wochen und Monaten nicht gehabt, dann hätte ich vielleicht bereits das Land verlassen. Das gab mir zusätzliche Kraft, der ich mir nicht einmal bewusst war. Die geistlichen Angriffen haben mich nicht mit voller Kraft treffen können.
• Während die Rednerin für mich betete, hatte sie den Eindruck, dass all die Probleme der letzten Zeit eine Vorbereitung und Läuterung für einen zukünftigen Dienst sein könnte. Das war vielleicht die wichtigste Einsicht. Nicht nur hat das meine Frage der letzten Monate beantwortet – wie soll ich all diese Probleme und den Stress einordnen – sondern es gab mir auch eine neue Perspektive. Die Probleme mögen geistlicher Angriff gewesen sein, aber sie sind auch Teil von Gottes “Trainingsprogramm”. Das geht für mich einen Schritt weiter als zu sagen, dass Gott alle Dinge zum Guten gebraucht. Sie dienen sogar einem Zweck.
• Auf Grund dieser Einsicht wurde mir auch bewusst, dass einer meiner Schwachpunkt ist, mit mehreren Problemen gleichzeitig auszuhalten, vor allem wenn ich mich davon überwältigt fühlte. Gott will mir nun helfen damit besser um zu gehen und zwar in seiner Kraft, nicht in meiner.
• Das Mitglied des “member care teams” fragte mich, was ich mir in diesen Situationen selber sage. Als ich nachdachte merkte ich, dass ich mir unbewusst sage: das ist zu viel, das halte ich nicht aus, das ist nicht fair, – und schlussendlich – ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr. Diese Unwilligkeit mich Problemen zu stellen verhinderte, dass ich in diesen Situationen aus Gottes Kraft lebte. Jetzt lerne ich langsam mich auf Gottes Kraft zu verlassen und ihm zu vertrauen, dass seine Gnade in meiner Schwachheit ausreicht, um die Probleme zu bewältigen. Es ist erstaunlich was diese unbewussten Selbstgespräche für einen Unterschied machen können.
• Als sie meine Gebetsmails der letzten Monate anschaute, stellte sie fest, dass ich mindestens vier größere Verluste und sehr viele zusätzliche Stressfaktoren erlebt habe (bisher habe ich 26 Stressoren identifiziert und entdecke immer noch mehr). Ihre Frage war darum, ob ich diese Verluste betrauert habe. Nein, hatte ich nicht. Das war nun Teil meiner “Wiederherstellungs-Arbeit” der letzten Wochen. Unter anderem habe ich eine Abschiedsbrief an Fatomata geschrieben, die im Juli gestorben ist.
• Sie gab mir auch einen sehr hilfreichen Artikel von Henri Nouwen zu lesen, wodurch mir manches klar wurde. Der Artikel unterstreicht z.B. die Notwendigkeit loszulassen und Gott wirken zu lassen (Gleichnis von einem Fluss der gegen seinen Willen in der Wüste verdunstet aber gerade dadurch zum Segen wird). Es geht darum, nicht alles kontrollieren zu wollen. Was aber schwierig ist, wenn man sich von den Umständen wie ein Spielball herumgeworfen fühlt. Ich merkte auch, dass sich bei mir eine ganze Menge Frust angesammelt hat, über diese Umstände und die damit verbundenen Menschen. Ich bin noch dabei diese Liste aufzuarbeiten. Interessanter Weise merkte ich, dass ich im Bezug auf den Unfall selber überhaupt keine Verstimmung fühlte. Durch den Artikel wurde mir bewusst, dass ich nach dem Unfall so dankbar war, dass da kein Platz für Groll war. Dankbarkeit ist ein gutes Gegenmittel gegen Bitterkeit.
• Letztes Wochenende hörte ich die „Sacred Romance“ zu Ende (als Hörbuch). Ein Absatz wurde mir besonders wichtig: es ging darum, dass Gott geistlichen Kampf gebraucht, um uns in engere Gemeinschaft mit sich zu ziehen. In gewisser Weise unterstreicht das die oben erwähnten Gedanken. Wir stehen in einem geistlichen Kampf, aber nicht weil Gott die Kontrolle verloren hat oder weil wir zu wenig dem Freund widerstehen. Der Autor sagt dann sinngemäß:
„Geistlicher Kampf fängt an sich anders anzufühlen. Das Ganze dreht sich nicht mehr um Satan. Es geht um unsere Gemeinschaft mit Gott, unser Bleiben in Jesus. Der strittige Punkt ist, sich auf Gottes Güte zu konzentrieren, statt auf den Feind und seine Angriffe. Der einzige Grund sich mit seinen Angriffen zu beschäftigen, ist um seine Lügen zu entlarven.“
• Das Hörbuch erinnerte mich auch an Jakobus 1 – Schwierigkeiten sind ein Grund zu reiner Freude, weil Gott uns dadurch in Vertrautheit mit sich wachsen lässt. Oder wie es das „Life Model“ formuliert – damit wir in Reife wachsen. Das war ein Thema das mir schon vor ein paar Monaten wichtig wurde. Wie schnell habe ich die Lektion vergessen!
• Sein statt Tun: Das war ein Thema das mich im Sommer oft beschäftigt hat. Ich habe mich öfters gefragt, ob all die Problem in den Sommermonaten, die mich daran hinderten meine eigentliche Arbeit zu tun, nur eine Lektion im „Sein“ waren? Der Eindruck wurde nun durch den Artikel von Nouwen verstärkt. Wir müssen vertrauen, dass unser Dienst nicht so sehr das ist was wir tun, sondern dass eine Kraft von uns ausgeht wenn wir in Jesus bleiben.

Nun bin ich dabei diese Einsichten in die Praxis zu setzen. Die letzten Wochen waren außerdem eine echte Geduldsschule. Im Moment lerne ich vor allem Nichtstun, weil ich oft keine Kraft habe das zu tun was ich gerne würde. So geht es darum auf den Herrn zu hören, in allen Problemen in ihm zu ruhen, vor allem in meiner momentanen Kraftlosigkeit. Das bedeutet totale Abhängigkeit von Gott, da ich nie weiß, wann ich genug Energie habe, um etwas praktisch zu tun.

Letzte Woche hatte ich jede Menge Gelegenheit die Einsichten anzuwenden: Am Dienstag kriegte ich das Auto aus der Werkstätte, die es neu lackiert hat. Am Mittwoch dachte ich, ich würde die letzte Reparatur erledigen können. Dabei entdeckte ich drei neue Probleme. Außerdem hatte ich zwei Mal Probleme mit der Polizei (nicht meine Schuld). Das waren viele Stressfaktoren in einem Tag (oder genau genommen in eine halben Tag). Aber ich war dankbar zu sehen, dass ich relativ gut damit umgehen konnte. Anderseits hat mich das so erschöpft, dass ich dann zwei Tage lang nichts tun konnte. Samstag bemühte ich mich eines der neuen Probleme zu lösen, nur um dabei ein weiters zu entdecken als ich von der Polizei angehalten wurde – seit zwei Tagen sind getönte Autoscheiben hier verboten. Während ich das schreibe ist ein Mechaniker dabei, die Sonnenfolien abzunehmen (das bedeutet leider weniger Schutz vor der Sonne für uns und unsere Einkäufe.) Ich finde es noch immer schwierig, mit diesen Widrigkeiten umzugehen und sie als Teil des normalen Alltags zu betrachten. Vermutlich ist das etwas, was ich lernen muss. Ich habe immer darauf gewartet, dass das Leben wieder „normal“ wird, d.h. keine oder weniger Problem. Eine Freundin meinte: „Normal ist nur eine Einstellung am Wäschetrockner.“

Vor kurzem habe ich überlegt, dass ich wahrscheinlich wenigstens zwei Wochen in der Hauptstadt bleiben sollte, nachdem die Autoreparatur abgeschlossen ist. Im Moment ist es zu früh um sagen zu können, ob das ausreicht um wieder ganz auf die Füße zu kommen oder nicht. Oder ob der Herr möchte, dass ich im Vertrauen auf seine Kraft vorwärts gehe. Das ist keine einfache Gratwanderung. Somit könnt ihr einerseits Gott preisen, für die Dinge die er mich lehrt, und anderseits betet bitte um meine vollständige Wiederherstellung und Weisheit, wann es an der Zeit ist wieder auf „normaler Geschwindigkeit“ zu schalten.

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