Nachdenken

Geduld mit sich selbst

Sei geduldig mit allen,

aber vor allem mit dir selbst.

Ich meine, sei nicht entmutigt durch deine Unvollkommenheiten,

sondern stelle dich ihnen mit neuem Mut.

Wie können wir geduldig sein im Umgang mit den Fehlern unserer Nachbarn,

wenn wir ungeduldig sind im Umgang mit unseren eigenen?

Wer sich über sein eigenes Versagen aufregt, wird es nicht korregieren können.

Alle hilfreiche Korrektur kommt aus einem ruhigen, friedlichen Geist.

– St. Francis de Sales

Augen die sehen

Augen die sehen

Ein afrikanisches Sprichwort besagt:

“Die Augen des Fremden sind groß, aber er sieht nichts.”

Das ist so wahr – in einer fremden Kultur muss man erst lernen, Dinge zu sehen.  Ansonsten schaut man direkt auf etwas, und hat keine Ahnung was man sieht.

Die nachfolgenden Paragrafen sind eine Einleitung zu einer interessanten Buchbesprechung, aber ich war mehr fasziniert von den persönlichen Beispielen in der Einleitung:

Als ich auf der Uni war, habe ich einen Kurs bei Toni Morrison belegt, auch Grund ihrer Sammlung von Kurzgeschichten mit dem Titel “Im Dunkeln spielen.“ Die Grundannahme der Kurzgeschichten, und auch von dem Kurs, war, dass die Amerikanische Literatur von Anfang an geprägt war von der unangenehmen Gegenwart von “Amerikanischem Afrikanismus”. Wir brauchen hier nicht auf die Details dieses Arguments eingehen. Ich erwähne es nur, weil ich anfing Bücher anders zu lesen, nachdem ich Morrisons Kurs absolviert hatte. Ich war auf einmal sensibilisiert im Blick auf Randfiguren. Mir fiel auf, wie schwarze Menschen dargestellt wurden, oder wie ihre Anwesenheit vermieden wurde. Mir fielen die Motive von Dunkelheit und Licht auf. Ich sehe mir auch Filme seither anders an, und merke wie radikale Gruppen als Requisiten verwendet wurden statt sie als echte Menschen darzustellen. Der Kurs hat mich gelehrt, Dinge anders zu sehen.

Ein Kind mit Down-Syndrom zu haben, hat mich auch gelehrt, Dinge anders zu sehen.

Ich denke da, zum Beispiel, als ich einmal an einer Konferenz in einem Kloster in Süd-Carolina teilnahm. Am ersten Abend der Konferenz versammelten wir uns zu einer kurzen Bibellesung und Segnung vor dem Abendessen. Ein älterer Mann, einer der Mönche, war zuständig für die Lesung und für uns zu beten. Er ging mit unausgeglichenen Schritten zum Podium und sein Kopf war etwas auf die Seite geneigt. Er stand dann hinter der Bibel und blätterte mit einem verdutzen Gesichts-ausdruck in der Bibel hin und her. Schließlich schaute er einen anderen Bruder an und sagte, “Ich kann 1. Mose 1 nicht finden.” Der andere Bruder blätterte behutsam zum Beginn der Bibel, und der erste Bruder begann zu lesen. Seine Aussprache war nicht sehr gut. Er stolperte über Worte und sie kamen etwas verdreht heraus.

Ein paar Jahre früher, bevor unsere Tochter Penny geboren wurde, hätte ich mit Ungeduld und Zynismus reagiert. Ich hätte mir gedacht, warum können sie niemanden finden, der lesen kann, oder wenigstens weiß, wo das erste Buch der Bibel zu finden ist?  Aber an diesem Abend, stand ich da, mit gespannter Aufmerksamkeit, und war dankbar, dass ich Gottes Wort von diesem Mann mitgeteilt bekam. Ich konnte ihn als Mitchrist sehen, der ein Segen für mich ist.  Ich war fähig, ihn als Botschafter der Hoffnung zu sehen, und der Vision von einer Gemeinschaft in Christus, die eines Tages meine Tochter inkludieren könnte und sie sogar Gottes Wort öffentlich lesen und für andere beten lässt. (Buchbesprechung in Englisch hier.)

Ihr Beispiel hat mich tief berührt, wie wir lernen Dinge anders zu sehen und dadurch Dinge bemerken, die wir vorher nicht sehen konnten, und zu Schlüssen kommen, die wir vorher für unmöglich hielten. In einer fremden Kultur zu leben, fordert mich heraus genau das zu tun. Mein Interesse in Kulturanthropologie hilft mir natürlich auch dabei. Es ist wirklich erstaunlich, wie wir Dinge anderes interpretieren, wenn wir sie durch die Augen eines anderen Menschen sehen.

Ich erlebte ein ähnliches Aha-Erlebnis als ich die Unterhaltung von Mack und Sarayu in “Die Hütte” las: (Auszüge von den Seiten 152-156)

“Wenn dir etwas geschieht, wie stellst du dann fest, ob es gut oder böse ist?”
Mack überlegte einen Moment, ehe er antwortete. “Nun, darüber habe ich noch nie wirklich nachgedacht.  Ich würde sagen, etwas ist gut, wenn es mir gefällt – wenn es bewirkt, dass ich mich gut fühle oder geborgen. Und böse würde ich etwas nennen, das mir Schmerzen verursacht oder mich um etwas bringt, das ich gerne habe oder mir wünsche.”
“Dann ist das Ganze also ziemlich subjektive?”
“Ja, das ist es wohl.”
“Und wie viel Zutrauen hast du in deine Fähigkeit, zwischen dem, was für dich gut oder böse ist, zu unterscheiden?”
“Ehrlich gesagt, werde ich – wie  mir scheint, zu Recht – ziemlich wütend, wenn jemand mein ‘Gutes’ bedroht, das also, was ich zu verdienen glaube. Aber ich bin mir nicht wirklich sicher, ob ich eine logische Grundlage habe, zu entscheiden, was wirklich gut oder böse ist. Ich kann nur beurteilen, wie es sich auf mich auswirkt.” […] “Das ist also allez ziemlich egoistisch und selbst-bezogen, nehme ich an. […]”

Er zögerte, ehe er den Gedanken beendete, doch Sarayu unterbrach ihn. “Dann bist du es, der entscheidet, was gut und was böse ist. Du machst dich zum Richter. Und was das Ganze noch verwirrender macht: Das, was du für gut hältst, wird sich mit der Zeit und den Umständen verändern. Und, was noch schlimmer ist: darüber hinaus gibt es Milliarden anderer Menschen, die ebenfalls individuell entscheiden, was für sie gut oder böse ist.  Wenn also dein Gut und Böse nicht mit den Vorstellungen deines Nachbarn übereinstimmt, geratet ihr in Streit oder es brechen gar Kriege deswegen aus.”
[…]
Dann gestand Mack: “Ich erkenne jetzt, dass ich den größten Teil meiner Zeit und Energie darauf verwendet habe, das zu erlangen, was ich für gut hielt, sei es finanzielle Sicherheit oder Gesundheit oder eine ausreichende Altersversorgung oder was auch immer. Und ich vergeude eine riesige Menge Energie und Sorge damit, mich vor dem zu fürchten, was ich für böse halte […]
“Super!”, rief Mack aus. […] “Denn das könnte bedeuten, dass …”
Wider fiel ihm Sarayu ins Wort. “… dass in manchen Fällen das Gute darin bestehen kann, Krebs zu bekommen oder sein gesamtes Vermögen zu verlieren – oder sogar das Leben.”

Immer seit dem ich diese Unterhaltung vor einiger Zeit gelesen habe, fing ich an Dinge anders zu betrachten.  Was ist gut und was ist schlecht für mich? Wie oft beurteile ich Dinge von einem sehr subjektiven Standpunkt? Tatsächlich erinnert mich das an einige Dinge in meine eigenen Leben, die ich als schlecht beurteilte, aber nun fange ich an zu begreifen, dass sie vielleicht Teil von Gottes vollkommenen und liebevollen Plan für mich waren. Egal wie schmerzhaft die Situation war, sie beinhaltete Gutes. Das ist nicht immer leicht, das zu zugeben.

[Es gab einige andere interessante Aspekte in dieser Unterhaltung, aber die habe ich vorerst ausgelassen weil ich sie in einem späteren Blogeintrag aufgreifen will.]

Hast du etwas in dieser Art erlebt, wo du gelernt hast, Dinge mit neuen Augen zu sehen?

Angst oder Liebe

Ich habe gerade angefangen, “He loves me!” (auf Deutsch “Geliebt!”) von Wayne Jacobsen zu lesen. Im dritten Kapitel geht es um die Frage, was uns zum Gehorsam motiviert – Angst vor der Hölle oder Liebe zum Vater. Es stimmt leider, dass viele denken, dass uns eine klarerer Vision von der Hölle zu mehr missionarischer Aktivität motivieren würde. Früher hat diese Evangelisationsmethode auch noch besser funktioniert. Aber die berechtigte Frage ist, welche Art von Christen das produziert, wenn die Bekehrung aus Angst vor der Hölle geschieht.

Als ich so darüber nachdachte, wie das bei meiner Bekehrung war, fiel mir auf, dass die Angst vor der Hölle keine echte Rolle spielte, aber die Angst was zu verpassen sehr wohl. Das hat teilweise mit der Zeichnung zu tun, die mir der Evangelist damals vorlegte (und die ich auch sehr hilfreich fand) – der breite Weg, der von Gott wegführt (egal ob er mit großen oder kleinen Sünden gepflastert ist), der schmale Weg der zu Gott führt, und zwischen den zwei Pfaden Jesus, die Tür zum ewigen Leben. Es schien mir damals wirklich als würde der Schatten dieser Tür auf meinen Weg fallen und mich einladen. Eine einzigartige Chance? Vielleicht. Keiner kann wissen, ob und wann sich wieder so eine Situation ergibt, wo Gott in unser Leben hineinspricht und unser Herz berührt.

Leider fiel mir auf, dass es sich da um ein Muster in meinem Leben handelt. Ich musste ich mir eingestehen, dass in meinem Leben öfters Dinge von der Angst motiviert sind, etwas zu verpassen. Wer weiß ob sich die Gelegenheit noch einmal bietet? Und so stopfe ich oft Dinge in mein Leben, die nicht unbedingt dran sind und unnötigen Stress verursachen. Aber man will ja nichts verpassen!

Auf einer ähnlichen Linie liegt die Angst, Gottes Willen zu verpassen – wenn ich nicht gut genug hinhöre, dann könnte ich sein Reden verpassen und den falschen Weg einschlagen. Dann müsste ich für den Rest meines Lebens auf dem falschen Gleis fahren und würde seinen Segen und das Leben in Fülle verpassen.<ironisch>

Wenn ich ehrlich bin, dann ist mir bewusst, dass diese Denkmuster in meinem Leben vorhanden sind – oder besser sagen – großteils waren. Ich merke, dass beide Denkansätze nicht mehr zu dem passen, wie ich Gott in den letzten Jahren erlebt habe. Es gibt sicher Situationen, wo wir wichtige Dinge verpassen könnten, wenn wir zu unentschlossen sind, oder Dinge auf die berühmte lange Bank schieben. Aber Gott motiviert uns nicht mit Angst. Diese Unterscheidung zwischen Beziehungen die von Angst oder Liebe motiviert (verwurzelt) sind ist mir gerade während der letzten zwei Jahre durch die Beschäftigung mit dem Life Model bewusst geworden. Insofern sind derartige Situationen seltener geworden und dafür bin ich sehr dankbar.

Was lerne ich daraus? Wo immer meine Motivation von Angst bestimmt ist, kommt sie wahrscheinlich nicht von meinem himmlischen Papa. Ich will lernen, da noch sensibler zu sein, und früher zu merken, wenn mich Angst treibt und nicht Liebe (das erinnert mich an “Getrieben oder Berufen” von Gordon MacDonald).

Es geht Gott nicht um unsere Opfer sondern um Gehorsam, aber aus Liebe zu ihm, um seiner Selbst willen, aus Freude an der Beziehung zu ihm, und weil uns diese Beziehung so wertvoll ist.

Freude

Vor etwa zwei Jahren hörte ich das erste Mal vom so genannten Freudenzentrum in unserem Gehirn.1 Es war für mich faszinierend zu lernen, wie wichtig Freude für die gesunde Entwicklung unseres Gehirns und unserer charakterlichen Reife ist.2 Dieses Freudenzentrum wird vor allem dadurch entwickelt, wenn wir Gemeinschaft in geborgenen Beziehungen erleben. Unser Freudenzentrum wächst immer dann, wenn wir merken, dass sich jemand freut mit uns zusammen zu sein, wenn unsere Gegenwart die Augen eines anderen zum Funkeln bringen. Das spielt sich normalerweise unbewusst ab und kann darum auch nicht vorgetäuscht werden. Dieser “Freudenfluß” beginnt in unserer rechte Gehirnhälfte, kommuniziert über unsere linke Gesichtshälfte, zur linken Gesichtshälfte des anderen und dann zu seiner rechten Gehirnhälfte. Unser Gegenüber schickt dann auf dem gleichen Weg die Botschaft zurück – all das passiert sechs Mal pro Sekunde und wird immer stärker je länger man sich ansieht.3 Echt cool!

Kurz nachdem ich zum ersten Mal darüber las konnte ich genau dieses freudige Funkeln beobachten – in den Augen eines Freundes in unserem Dorf und im Gesicht der 3-jährigen Tochter von Kollegen – und mir wurde bewusst, wie sehr es mir das Herz wärmt. Seither habe ich es in vielen Gesichtern beobachtet und mich darüber gefreut wie faszinierend Gott uns geschaffen hat.

Auf diesem Hintergrund fällt mir seither vermehrt auf, wie oft die Bibel von der Wichtigkeit der Freude spricht, von der Freude am Herrn. In Nehemia 8,10 lesen wir “Die Freude am HERRN ist eure Stärke (euer Schutz, wie eine schützende Mauer).” Ich habe im letzten Jahr viel über diesen Vers nachgedacht und neu verstanden, dass es dabei wahrscheinlich um unsere Freude geht, mit ihm zusammen zu sein, egal was rund um uns herum passiert. Das gibt uns Kraft und befähigt uns auch schwierige Zeiten zu durchstehen. Wenn unser Freundenzentrum nämlich nicht gut entwickelt ist, dann können uns Schwierigkeiten zu viel werden und überwältigen. Das macht dann den großen Unterschied ob wir etwas als Leiden empfinden oder als traumatische Erfahrungen.

Besonders bezeichnend finde ich den Vers in Zephania 3,17 “Der Herr hat Freude an dir, er droht dir nicht mehr, denn er liebt dich; er jubelt laut, wenn er dich sieht.” Gibt es eine bessere Beschreibung für Gottes Freude mit uns zusammen zu sein? Gottes Augen “funkeln” sozusagen wenn er uns ansieht – egal ob wir gerade gut drauf sind oder nicht, fleißig oder faul, Erfolg haben oder versagen. Er freut sich mit uns zusammen zu sein, weil wir seine geliebten Kinder sind. Aus eigener Erfahrung weiß ich wie schwer wir uns oft tun, das wirklich im Tiefsten zu verstehen und zu akzeptieren, weil wir so von unserer leistungsorientierten Gesellschaft geprägt sind. So ist es gut sich daran zu erinnern, dass Gottes Freude über uns damit zu tun hat wer wir sind, nicht was wir tun!

Für uns ist es eine zweifache Einladung:

  • noch bewusster ein Leuchten in die Augen anderer zu bringen indem wir ihnen zeigen, dass wir gerne mit ihnen zusammen sind.
  • das Leuchten in Gottes Augen zu erhöhen indem wir Zeit mit ihm verbringen und ihm zeigen, dass auch wir uns über ihn freuen.

Wann hast du das letzte Mal den Herrn mit leuchtenden Augen angesehen, dich an seinem Jubel über dich gefreut und zurück gejubelt?

Fußnoten:

1 Durch das “Life Model: Living from the heart Jesus gave you” vom Shepherd’s House, Kalifornien.
2 Diese Einsichten sind eine Kombination aus der Seelsorge und von neuesten Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft.
3 Dieses gegenseitige Anfunkeln ist fast die wichtigste Nahrung eines Babys. Sie beginnen mit diese Entwicklung mit 3 Monaten und erleben einen Höhepunkt mit 9 Monaten, wenn sie bis zu acht Stunden am Tag die Mutter anlächeln können. Wo diese freudenbezogene Bindung fehlt kommt es zu Fehlentwicklungen. Das Großartige aber ist, dass dieser Teil des Gehirns nie aufhört zu wachsen und wir darum den Mangel nachholen können – in der geborgenen Verbindung mit anderen Menschen und mit Gott.

Was ist normal?

Ich lese im Moment im 2. Korintherbrief. Da gibt es sehr Vieles was mich anspricht und in meiner Situation relevant ist. Möglicherweise eine der wichtigsten Einsichten kam als ich diese Woche über 2.Kor 6,4 nachdachte:

Mit großer Geduld ertrage ich Sorgen, Nöte und Schwierigkeiten.

Einleitend schreibt Paulus dazu, dass er sich in jeder Hinsicht als Diener Gottes erweist. Danach erwähnt er mehrere Arten von Problemen, Widerwärtigkeiten die er aushält und sich dadurch als Diener Gottes erweist. Aber ist das denn normal? Es klingt ganz so, als wäre es für Paulus normal, Probleme zu haben. Das steht im starken Gegensatz zu dem was ich mir wünschen würde – ein stressfreies, problemloses Leben, oder zumindest ein Leben das weniger stressig und von Problemen geprägt ist, als z.B. die letzten zwei Jahre. Bereits zwei Kapitel davor gibt es ja so eine Liste von Schwierigkeiten (2. Kor 4, 8 – 12), die Paulus erlebt hat und auch in der Einleitung erwähnt er Probleme, die echt über seine Kräfte gingen (2. Kor 1, 8).

Da frag ich mich nur, wie kann man das denn aushalten?

Im Grunde steht die Antwort in 2.Kor 6,7 – “durch die Kraft, die von Gott kommt”. Auch das erwähnt Paulus als eines der wichtigen Kennzeichen von und eine Empfehlung für einen Diener Gottes – nicht aus der eigenen Kraft leben, sondern aus der von Gott geschenkten (2. Kor 4,16). Und immer wieder kommt die Aussage – Darum verliere ich nicht den Mut (2.Kor 4,1.16). Wow!

Irgendwie kriege ich das trotzdem noch nicht so ganz auf die Reihe – heißt das wirklich, dass wir Probleme als normal akzeptieren sollen? Das schmeckt mir überhaupt nicht. Da bin ich meilenweit davon entfernt.

Langsam wird mir bewusst, dass ich zumindest dort falsch lag und mir selber die Sache erschwert habe, wo ich mich innerlich gegen Schwierigkeiten auflehnte. Das habe ich oft genug gemacht in den letzten zwei Jahren. Wahrscheinlich hat das nur dazu geführt, dass meine Kraft unnötig verbraucht wurde, wo ich Probleme nicht akzeptieren konnte, und mich innerlich dagegen gewehrt habe. Mir dämmert so langsam – manches wäre vermutlich anders gelaufen, wenn ich die Probleme als normalen Teil meines Lebens akzeptiert hätte.

Vor allem an einer Stelle (wird mir mehr und mehr bewusst) habe ich unnötig meine Energie vergeudet, als Gott mir etwas Unangenehmes, Unverständliches zu sagen schien und ich einfach nicht glauben konnte, dass das Gottes Willen sein könnte, und mich dementsprechend massiv dagegen aufgelehnt habe. Rückblickend sehe ich, wie sehr ich mich dadurch verausgabt habe und dass das wahrscheinlich zu meiner allgemeinen Erschöpfung beigetragen hat.

Natürlich freut sich niemand über Probleme, aber es macht einen Unterschied, ob ich sie mit einem müden Lächeln als unangenehme Realität akzeptiere, oder ob ich mich darüber aufrege und dagegen aufbegehre, innerlich rebelliere.

Wie oft habe ich in diesen zwei Jahren darauf gewartet, dass mein Leben wieder “normal” würde. Und mit “normal” meinte ich keine oder zumindest weniger Probleme. Wenn ich hingegen unter “normal” ein Leben mit Problemen verstehe (so wie Paulus), dann begegne ich ihnen mit einer ganz anderen Einstellung und bin viel besser darauf vorbereitet. Auch wenn ich nicht im voraus weiß, welche Probleme auf mich zukommen, treffen sie mich doch nicht total unvorbereitet. Ich könnte sie dann viel eher aushalten und sie würden mich weniger aus dem Gleichgewicht bringen. Und wenn meine Kraft nicht ausreicht, dann kann ich darauf vertrauen, dass Jesus in mir lebt und mir seine Kraft schenkt. Es ist auch hilfreich, wenn ich absolut keinen Sinn in den Problemen sehe, mich daran zu erinnern und darauf zu vertrauen, dass Gott versprochen hat, auch negative Dinge im Leben seiner Kinder zum Segen zu gebrauchen (Röm 8,28). [Übrigens, ich weiß nicht, ob euch schon mal aufgefallen ist – es heißt dort nicht, dass Gott die negativen Dinge wegnimmt oder ins Positive kehrt, sondern er gebraucht sie zum Guten.]

In diesem Sinn, will ich in Zukunft Problemen mit einer neuen Einstellung begegnen und ich bin schon neugierig, was Gott daraus machen wird.

Sicherheit

Wir alle brauchen Sicherheiten, manche mehr, andere weniger.

In einem Gespräch mit einer Kollegin letzte Woche wurde mir bewusst, wie sehr mir die Unsicherheit, Ungewissheit, Unklarheit der Zukunft zu schaffen macht. Ich tue mir unheimlich schwer, nicht zu wissen, wie es ab Juli genau weitergeht. OK, es gibt Überlegungen und Pläne über Juli hinaus, und im Moment spricht nichts dagegen, diese auch umzusetzen. Aber dann gibt es Situationen, wo ich praktische Vorbereitungen treffen möchte, und nicht die innere Freiheit habe. Das verunsichert mich sehr. Warum scheint mich Gott einzubremsen? Was spricht dagegen, manche Dinge umzusetzen? Ist vielleicht irgendetwas ganz anderes dran, von dem ich nichts ahne? Ich tue mir echt schwer damit. Im Gespräch merkte ich dann, dass ich versucht bin, in anderen Bereichen Sicherheiten zu schaffen, indem ich langfristige Entscheidungen treffe, die noch nicht dran sind. Die Kollegin meinte, dass Gott mich vielleicht lehren möchte, in der Gegenwart zu leben und nicht meine Sicherheit in einer durchplanten Zukunft zu suchen. Vielleicht will der Herr selber in dieser Unsicherheit meine Sicherheit sein, mich lehren meine Sicherheit alleine in ihm zu suchen, nicht in klaren Zukunftsplänen und festen Strukturen. Wahrscheinlich hat sie recht. Nur das ist alles andere als einfach. Diese menschlichen Sicherheiten nicht zu haben, tut mir fast körperlich weh.

Heute früh kam mir der Gedanke, dass das eine Art “redemptive suffering” (wörtl. erlösendes Leiden, keine Ahnung ob es ein deutsches Äquivalent gibt) sein könnte. Den Ausdruck habe ich erst unlängst in Zusammenhang mit Abhängigkeiten gehört (weiß nicht mehr wo). Der Grundgedanke ist, dass wenn wir eine Spannung / Schmerz / Gefühl / Problem nicht aushalten können, dann tendieren wir dazu diese(n) mit einer Ersatzbefriedigung zu betäuben = Suchtverhalten. Wir leiden dann in weiterer Folge an den Auswirkungen des Suchtverhaltens, z.B. Gesundheitsprobleme, Übergewicht, Kater, etc. Wenn wir uns dieser Ersatzbefriedigung/Betäubung der Gefühle versagen, dann leiden wir auch. Aber diese zweite Art zu leiden ist “redemptive” (erlösend), weil Gott dann an dem eigentlichen Problem arbeiten kann.

Vermutlich ist das genau die Spannung, die ich im Moment erlebe. Es scheint fast unerträglich die Unsicherheit auszuhalten, aber nur wenn ich bereit bin, sie mit Gottes Hilfe auszuhalten, werde ich das Ergebnis erleben, das Gott sich dabei gedacht hat.

Ihr könnt also mitbeten, dass ich Gott nicht aus der Schule laufe.

Don’t rock the boat!

Die Frage in Don’t rock the boat! finde ich sehr interessant. Schon seit einiger Zeit ist mir bewusst, dass das biblische Umfeld sehr viel mehr gruppenorientiert ist als die Gesellschaft in den westlichen Ländern. Daher würde ich vermuten, dass die Gemeinden in unseren Ländern nicht so gut begreifen, was es heißt “der Leib Christi” zu sein, wie Menschen aus gruppenorientierten Gesellschaften. Auf diesem Hintergrund fällt es mir schwer, zu glauben, dass gruppenorientierte Völker ungesunder sein könnten als individualistische Gesellschaften.

Als ich heute früh in Epheser 4 las, entdeckte ich eine mögliche Antwort:

15 Vielmehr stehen wir fest zu der Wahrheit, die Gott uns bekanntgemacht hat, und halten in Liebe zusammen. So wachsen wir in allem zu Christus empor, der unser Haupt ist. 16 Von ihm her wird der ganze Leib zu einer Einheit zusammengefügt und durch verbindende Glieder zusammengehalten und versorgt. Jeder einzelne Teil erfüllt seine Aufgabe, und so wächst der ganze Leib und baut sich durch die Liebe auf. (GNB)

Die Gemeinde ist der Leib Jesu, er ist das Haupt der Gruppe, und er fügt uns zu einer Einheit zusammen. Diese Gruppenorientierung ist wichtig, aber gleichzeitig ist Gott auch am Einzelnen interessiert. Wir sind gerufen in persönlicher Verantwortung vor Gott “aufrecht zu stehen” und nicht uns zur Gruppe hin “zu verbiegen” (s. Leanne Payne). Gott begegnet uns in sehr individueller Art, ist daran interessiert das Potential der von ihm gegebenen Gaben zu entfalten, und gibt uns Freiraum unseren eigenen Weg zu gehen, selbst wenn es für uns selbst und die Gemeinschaft schädlich ist.

Auf der anderen Seite dürfen wir nicht übersehen, “dass wir alle zusammen den vollkommenen Menschen bilden” (Eph. 4,13, GNB) d.h. wir als Gruppe und nicht ich als einzelner Christ.

Was bedeutet das also für die ursprüngliche Frage?

Jede Gruppe, die nicht Gott als Mitte hat und Jesus als Haupt, wird dazu tendieren die Gruppe zum Götzen machen, die Gruppenharmonie zur obersten Priorität, und die Aussagen des Leiters als unumstößlich zu betrachten. Das mag für eine Zeit gut gehen. Aber sobald der Einzelne nicht länger ermutigt wird, auf sein Gewissen zu hören und in Verantwortung vor seinem Herrn und Schöpfer “aufrecht zu stehen”, wird die Gruppendynamik leicht dysfunktional (gestört, ungesund)) und missbrauchend. Das Prinzip trifft wahrscheinlich auf jede Art Gruppe zu – inklusive christliche Gruppen und Gemeinden. Die Einzelperson braucht die Gruppe, aber die Gruppe braucht auch die gesunden Einzelpersonen. Das funktioniert aber nicht, wenn die Gruppe wichtiger wird als die Einzelperson, und die Gruppenharmonie auf Kosten des Einzelnen erzwungen wird.

Tod oder Leben

“In Gottes Wirtschaft ist es so, dass wo immer etwas stirbt, wird neues Leben entstehen.”

Eine Freundin hatte diesen Auspruch auf einer Konferenz gehört. Als wir darüber sprachen, wurde mir bewusst, wie sehr sich das auf mich und auf das letzte halbe Jahr anwenden läßt. Ja, es gab einige schwerwiegende Verlusterfahrungen (Tod), die ich betrauen musste. Vielleicht die schwierigste war “verlorenen Zeit” und ich bin noch immer dabei zu lernen, was es heißt, diese zu betrauern. Die Aussage ermutigt mich, erwartungsvoll auf Gott zu schauen, und was er aus diesen Verlusten machen wird (neues Leben). Ich kann bereits einige guten Dinge sehen die daraus entstanden, dass ich länger Zeit in der Hauptstadt festsaß (bis das Auto fertig repariert war): neue Beziehungen, die das Potential für tiefere Freundschaften haben; wichtige Lernprozesse in meiner Beziehung zum Herrn (z.B. mehr von ihm abhängig zu sein, und nicht von anderen Dingen, wie meine Fähigkeit Dinge zu bewerkstelligen); Gelegenheiten für Forschungsarbeit, die ich nicht geplant hatte; hilfreiche Kontakte mit Leuten, die kurz danach das Land verließen.

(Nachtrag von Dezember)

Gedankenfutter

“Von Tag zu Tag muss ich mich erneut zwingen, die Deckung fallen zu lassen und Jesus zu erlauben, dass er meine Wunden berührt; dass er mir Kraft gibt und mich verteidigt. Er hat mir gesagt, dass ich mich nicht mehr selbst schützen muss und dass das sein Job ist und er mein Anwalt und Verteidiger sein will. Ob ich damit einverstanden sei? Ich sagte ja.
In dem Moment war es, als fiele eine Zentnerlast von mir ab.”

John & Stasi Eldredge in “Captivating” (auf Deutsch “Weißt du nicht, wie schön du bist?“)

Das bin ich im Moment am Ausbuchstabieren.

Zehn Faktoren um ein gutes Leben zu führen

Ich habe diese Punkte unlängst in einer E-Mail erhalten und fand, dass ich sie unbedingt mit euch teilen muss.

Zehn Faktoren um ein gutes Leben zu führen

Von Randy Garris

Diese Punkte sind nicht in einer bestimmten Reihenfolge – jeder einzelne ist wichtig und wenn man einen vernachlässigt, leider andere darunter oder werden zerstört.

  • Ein Herz der Anbetung
  • Eine Handvoll gläubiger Freunde die alles über dich wissen
  • Treu deine Aufgabe in der Familie ausleben
  • Nimm ein Handtuch und ein Waschbecken, um Jesus Anliegen zu fördern
  • Arbeite hart und lerne, Freude an deiner Arbeit zu haben
  • Ruhe
  • Bewusste Einsamkeit und Stille
  • Treue Verwaltung des Körpers der dir gegeben wurde
  • Eine weise Verwaltung des dir anvertrauten Besitzes
  • Kreativität